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Wissenschaftler des LIH veröffentlichen wegweisenden Artikel in Nature Microbiology

Forscher der Gruppe „Ernährung, Mikrobiom und Immunität” der Abteilung für Infektion und Immunität (DII) des LIH haben kürzlich einen wichtigen Artikel in Nature Microbiology veröffentlicht. Der Artikel enthält eine umfassende Analyse eines der am besten untersuchten und vielversprechendsten Mitglieder des menschlichen Darmmikrobioms, Akkermansia muciniphila, und hebt sowohl dessen potenzielle gesundheitliche Vorteile als auch die Komplexität hervor, die berücksichtigt werden muss, um die sichere und wirksame Entwicklung von Probiotika der nächsten Generation zu gewährleisten.
Viele Jahre lang wurden Darmbakterien grob in „gute“ und „schlechte“ Bakterien unterteilt. Jüngste Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass diese einfache Zweiteilung nicht ausreicht. Viele Mikroben können je nach Gesundheitszustand, Ernährung, Genetik und der umgebenden Mikrobengemeinschaft unterschiedliche Auswirkungen haben. Das Verständnis dieses Zusammenhangs ist entscheidend für die Bewertung ihres therapeutischen Potenzials.
Ein solcher Fall ist Akkermansia muciniphila, ein Bakterium, das sich von Zucker in der Schleimhaut des Darms ernährt und bei etwa 40 % der gesunden Menschen weltweit vorkommt. Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass es die Stoffwechselgesundheit, insbesondere bei Menschen mit Adipositas, unterstützen kann, indem es Hormone beeinflusst, die den Appetit und den Blutzucker regulieren. Aufgrund dieser Eigenschaften wurde Akkermansia als Probiotikum der nächsten Generation vorgeschlagen. In Europa sind bereits pasteurisierte Formen erhältlich, während das lebende Bakterium in Nordamerika gekauft werden kann.
Obwohl A. muciniphila oft vorteilhaft ist, kann es je nach verschiedenen Faktoren, darunter Ernährung, vorhandene Darmmikroben, Genetik und zugrunde liegende Gesundheitszustände, sehr unterschiedliche Auswirkungen haben. Dies spiegelt einen allgemeinen Wandel in der Mikrobiomforschung wider, da ähnliche Komplexitäten auch bei anderen gut untersuchten Mikroben wie Ruminococcus gnavus und Prevotella copri festgestellt wurden.
Darüber hinaus zeigt das LIH-Team, dass die Auswirkungen von A. muciniphila auf den Wirt nicht nur von externen Faktoren, sondern auch von einer erheblichen Vielfalt auf Stammebene geprägt sind. Verschiedene Stämme können das Immunsystem verändern, die Darmbarriere stärken (oder schwächen) oder unterschiedliche Antibiotikaresistenzprofile aufweisen. Diese Unterschiede sind jedoch noch nicht ausreichend verstanden, was die Notwendigkeit einer tiefergehenden Charakterisierung vor der therapeutischen Anwendung unterstreicht. Die Forscher schlagen daher Strategien vor, um die positiven Wirkungen von Akkermansia zu maximieren und gleichzeitig die potenziellen Risiken zu mindern, die mit der wahllosen Verabreichung lebender Bakterien verbunden sind.
Während A. muciniphila im Zusammenhang mit dem metabolischen Syndrom am vielversprechendsten ist, hebt der wissenschaftliche Artikel neue Forschungsergebnisse in anderen Krankheitsbereichen hervor, darunter laufende klinische Studien zu Prostatakrebs und Reizdarmsyndrom. Über Gesundheitsanwendungen hinaus zeigt A. muciniphila auch Potenzial in der Biotechnologie und Pharmakologie. Jüngste Studien belegen seine Fähigkeit, ABO-Blutgruppenantigene effizient aus roten Blutkörperchen zu entfernen, was den Weg für die Herstellung von „Universalspenderblut” für Transfusionen ebnet. Darüber hinaus können bestimmte nützliche Bestandteile von A. muciniphila isoliert und therapeutisch eingesetzt werden, wodurch die mit der Verabreichung lebender Mikroben verbundenen Risiken verringert werden. Durch genetische Modifikation könnten diese Anwendungsmöglichkeiten weiter ausgebaut werden, obwohl die regulatorischen Hürden für genetisch veränderte Organismen nach wie vor erheblich sind.
Tatsächlich werden in der Veröffentlichung auch mehrere praktische Hindernisse für die klinische Anwendung von Therapien auf Basis von A. muciniphila hervorgehoben. Aus Menschen gewonnene Stämme können zwar in Mausmodellen getestet werden, interagieren jedoch möglicherweise anders mit dem Immunsystem von Mäusen. Diese wirtsspezifischen Anpassungen erschweren die Übertragung der Ergebnisse von Mäusen auf Menschen und unterstreichen die Bedeutung komplementärer In-vitro-Systeme und Assays auf Basis menschlicher Zellen für die Gewährleistung sicherer und wirksamer Anwendungen. Daher sollte die Begeisterung für A. muciniphila trotz des vielversprechenden Potenzials als Probiotikum mit Vorsicht genossen werden, da seine Sicherheit und Wirksamkeit kontextabhängig sind. „Es ist mittlerweile klar, dass in der Mikrobiologie der Kontext den Erreger ausmacht“, erklärt Prof. Mahesh Desai, Leiter der Gruppe für Ernährung, Mikrobiom und Immunität und korrespondierender Autor der Veröffentlichung.
Ein sorgfältiger, evidenzbasierter Ansatz ist daher unerlässlich, um sicherzustellen, dass Nahrungsergänzungsmittel und Therapien verantwortungsbewusst und sicher eingesetzt werden, insbesondere da das Interesse an mikrobiombasierten Therapien und Nahrungsergänzungsmitteln für Verbraucher weiter zunimmt,
schließt er.
Die im Januar 2026 veröffentlichte Arbeit mit dem vollständigen Titel „Navigating the duality of Akkermansia muciniphila“ kann hier abgerufen werden.